Ignoranz und Arroganz

J. Adorf - Ortlos I, 2016

J. Adorf – Ortlos I, 2016, als Print erhältlich

In dem Film ‘Pink Cadillac‘ gibt es eine Szene, in der eine hübsche Blondine – sie ist mittels am Türgriff befestigter Handschellen auf dem Beifahrersitz des titelgebenden Autos gefesselt und allein – von einem Exhibitionisten mit den Worten ‘Na, wie gefällt Dir das?’ belästigt wird.

Hier hat nun kürzlich der ‘Chefausbilder’ des DFB nebensächlich zu einem Thema den Mantel aufgeschlagen, zu dem er vielleicht besser geschwiegen hätte. Er sagte: “Das ist wie bei einer Vernissage, wo dann Menschen ergriffen vor einer Leinwand mit Farbklecksen stehen, sich fragen, was ihnen der Maler sagen wollte und anschließend irrsinnig viel Geld dafür bezahlen. Was uns der Maler sagen wollte? Nichts.”

Meine Eltern hielten Fußball in den 1970er Jahren für einen Proletensport und deshalb für mich ungeeignet – oder umgekehrt. Mich konnte das seinerzeit nicht davon abhalten, mich einige Jahre neben den üblichen leidigen Pflichten eines Schülers fast ausschließlich mit diesem Sport zu beschäftigen, und ich habe dabei sehr viel gelernt, das weit über die kreidigen Grenzen des Spielfelds hinausweist. Herrn Wormuth ist möglicherweise dieses Glück weder auf dem Fußballplatz noch andernorts zuteil geworden, könnte mal wohlwollend befürchten und sich so die traurige Gestalt erklären, die er im Zusammenhang mit Kunst abgibt.

Aber auch mit Epson-Bronzemedaillen geehrte Wettbewerbsfotografen haben zu ihren Fotos befremdliche Meinungen. So erläutern sie ‘Die wichtigsten Zahlen und Fakten des Projektes vorweg:
– Mehr als 3 Monate Vorbereitung für die Set-Ideen, Masken, Kostüme und Locations
– Drei volle Tage Fotoshooting on Location
– Mehrere, individuell gestaltete Szenen mit professionellem Lichtsetup
– Professionelle, individuelle Maske per Set
– 25 Gigabyte an Rohdaten
– 165 Gigabyte an TIF- und JPG-Dateien
– Native Panoramagrößen von 10.500 x 5.750 Pixeln mit bis zu 15 Photoshop Ebenen
– Mehr als 100 Stunden Panorama- und Photoshop Post-Retusche’
und halten diese Daten offenbar für aussagekräftig oder wollen damit die Qualität ihrer Fotos untermauern. Ich befürchte, das Publikum interessiert sich überhaupt gar nicht für diese Angaben, weil die genannten Features keinen spürbaren Einfluss auf das Seherlebnis haben, sondern allenfalls etwas über die Haltung der Bildautoren bzw. ihre Qualifikation preisgeben.

Na ja, vielleicht klinge ich etwas mürrisch, aber mal ehrlich: Wollt ihr wissen, wie lange jemand braucht, bis er eine brauchbare Idee hat, wie umständlich er Bilder bearbeitet, bis er sie vorzeigbar findet, ob ein Lichtsetup ‘professionell’ ist usw.?

Meine Bilder – und damit auch ich als Kunstschaffender – wollen übrigens tatsächlich weder den Frank Wormuths dieser Welt noch meinem hoffentlich geneigteren Publikm etwas sagen, sondern sie wollen exakt das Gegenteil: Sie wollen kluge Fragen stellen. Deshalb ist mir schon diese dümmliche Was-will-mir-der-Künstler-sagen-Haltung suspekt, gleicht sie doch dem sprichwörtlichen Aufzäumen eines Pferdes von hinten.

Glücklicherweise äußern sich ab und zu auch Leute anderen Kalibers, z.B. Sir Simon Rattle: “All the next years the arts are going to have to struggle to an extraordinary degree,” sagt er, “and we’re going to have to remind people that they need the arts. It’s a necessity – like the air they breathe and the water they drink.”

“Was ist der Unterschied zwischen Ignoranz und Arroganz?” “Das weiß nicht, aber es ist mir auch egal!”
Die eingangs erwähnte Blondine antwortet im Film: “Sieht aus wie ein Pimmel, nur kleiner.”

Schickt mir Geld, beschenkt mich! Dankeschön!